1. WAS IST WORTFRONT?

"Wieso der martialische Name? Ist das etwa Hardrock?"
Das werden wir oft von Journalisten gefragt. Aber wir empfinden den Namen nicht als Kriegerisch.
Kämpferisch vielleicht, "an vorderster Front der Sprache" - das ist durchaus ein Anspruch, den wir an uns stellen.
Aber für uns ist es auch definitiv Popmusik, was wir machen - oder zumindest anstreben.
"Pop ist das aber sicher nicht!"
Sagen dann die Journalisten. Aber das haben sie über David Bowie, Rosenstolz, ja sogar Janis Joplin oder Herbert Grönemeyer auch gesagt, als die noch ganz neu waren. Heute sind die Genannten im Popbereich, in den Formatradios, ganz alltäglich zu hören. Und wenn wir den Begriff "Populäre Musik" genau nehmen, dann ist sogar Beethovens Neunte heute Pop.

Deutscher Kammerpop

Das ist die Bezeichnung, die wir als Kompromiss gelten lassen können.
Denn natürlich sind wir auch stolz auf die starken Kammermusikalischen Anklänge, die wir - vor allem live - bieten.
Wir lieben unsere ausgefeilten Arrangements, die wir mit 90erJahre Popsounds konterkarieren. Wir lieben die Hiphop-Metrik in den Reimen und die inhaltlichen und sprachlichen Anlehnungen an das literarische Chanson.
Wir vereinen gerne und bewusst all diese Stilelemente zu einer neuartigen und in sich stimmigen Einheit - die eben, alles zusammen, durchaus Popmusikalisch einzuordnen ist. Denn es soll ja trotzdem "easy listening" sein.

WORTFRONT macht Musik für offene Herzen und Ohren, für Neugierige und Melodiesüchtige, für Humorvolle, Aufgeweckte und Berührungshungrige. Musik für jene, die sich gerne verzaubern lassen, anstatt vorbei zu hören.

Man erlebt bei uns also zugleich ein Popkonzert UND einen Theaterabend, ein Kammermusikalisches Ensemble UND ein Kabarettprogramm –  eine verblüffende Mischung in der plötzlich alles was antagonistisch schien, zur stimmigen Einheit wird.

Ja, wir machen Pop, aber er ist neuartig und hoffentlich auch vielseitiger als das viel beschworene „Format“.
Hier finden sich die Elemente der klassischen Kammermusik friedlich neben Pop, Rock und sogar HipHop-Metrik. Und völlig selbstverständlich, als hätten sie nur darauf gewartet, fügen sich diese unterschiedlichen Elemente zu einem harmonischen Ganzen, das angenehme Gänsehaut, befreites Lachen und nachwirkende Aha-Effekte garantiert.
Und unsere Fans nennen unsere Songs "Suchtbildend"
Also - lasst Euch drauf ein!

 

2. Die Musik

Zwei sehr verschiedene Menschen mit sehr verschiedenen Zugängen wollen gemeinsam Musik machen – eine Herausforderung. Daher ergründen  Sandra & Roger zunächst, was das Lied „will“. Wie ein Kind, das langsam wächst, sehen sie ihre Musik.
Forschend, ausprobierend, immer auf der Suche nach der endgültigen Bestimmung.
Genregrenzen werden konsequent und bewusst übergangen.
Die beiden stehen sogar auf dem Standpunkt, dass auch das so gern genützte Wort „Crossover“ eher dazu geeignet ist, eine neue Schublade zu installieren als bereits Bestehende zu sprengen.

Durch diesen musikalischen Zugang der beiden gab es bisher auf Seiten der Medien zumeist leicht verwirrende Beschreibungen des Wortfront-Stils: Es gibt noch keinen passenden Namen für diese Musik, denn sie vereint Merkmale des 80er Jahre Elektropop nahtlos mit kammermusikalisch ausgefeiltesten Streicherarrangements, rockiges Schlagzeug im Verbund mit Hiphop-Soundeffekten wird umhüllt von Fanfarigen Bläsersätzen und zentriert durch Sandras dunkelsamtige Chansoninterpretation.
Auf der Basis eines höchst breit gefächerten Musikwissens wird alles eingesetzt, dass dem Lied entgegenkommt – insofern  ein durchaus postmodern anmutender Zugang. Das Ergebnis ist jedoch alles andere als heterogen oder beliebig! Ein neuer Stil ist geboren, einschmeichelnd, anregend, fordernd.  Und der Name für diesen Stil wird noch folgen.

Wichtig ist ihnen: ein gewisser Ohrwurmcharakter soll bestehen – und zugleich die Möglichkeit, bei jedem nochmaligen Hören wieder eine neue sowohl musikalische als auch inhaltliche Facette zu entdecken.

Ein wesentliches Moment des Schaffensprozesses ist das Arrangement.
Wo bei vielen Kompositionen das Arrangement als Kleid des Liedes gilt und die Komposition als Körper, gehen Sandra & Roger andere Wege: Die Komposition ist das Gerippe, bruchfest und stabil, das Arrangement das Fleisch und nur die Darstellung, die Interpretation wird zum Kleid, dass sich das Lied anzieht.

Natürlich gibt es Lieblingsinstrumente; vor allem Streichinstrumente kehren immer wieder, sie werden zu opulenten Orchestrierungen ebenso genützt wie zu zarten Lockrufen – dazu werden den Instrumenten auch Töne entlockt, die unüblich sind: Bratschen flattern, Celli röhren, Geigen fluchen.
Selten werden dabei allerdings die üblichen Verdächtigen der Popmusik, Bass und Schlagzeug einfach weggelassen: Die Basis der Songs steht mit beiden Beinen im Heute, darauf legen die Künstler großen Wert.

Die Lieder, die zu gleichen Teilen im Computer und durch die Handarbeit und Innovation der Musiker entstehen, sind für Menschen gemacht, die gerne zuhören, gerne mitfühlen, gerne nach- und vordenken.
Anders als der übliche Popsong wollen sie nicht allein vage ein Lebensgefühl spiegeln, sondern eben auch sezieren, hinter die Fassade blicken und innovativ formulieren.

Die Live - Arrangements zeigen oft völlig neue Interpretationen, wer aufgrund einer CD in ein Wortfront-Konzert kommt, kann hier durchwegs andere und hoch emotionalisierende Tonsetzungen erfahren; wer aus einem Konzert heraus ein Album erwirbt, wird im Auto dieselben Lieder in anderen Farben schillernd erleben.

Doch Wortfront entwickelt sich. Sie sind auf der Suche nach einer Musik, die in jeglichem Rahmen auf gleiche Weise funktioniert, die man immer neu hören kann, ohne dass das Arrangement schon in eine Stimmung weist.
Die Arbeit mit wechselnden Musikern, das immer wieder neu hören und umformulieren auch bekannter Songs ist ein Schritt zu  diesem Ziel, ebenso wie die konstante Arbeit an einem Stil, der einzigartig bleibt und seinen eigenen Namen findet.

 

3. Die Entstehung von Wortfront

Wortfront entstand durch die günstige Konstellation dreier Dinge:
Raum, Zeit und Streit.

1 Der Raum

Auf die Frage, wie viele Menschen bequem in der Wiener ‚Broadway Piano Bar’ Platz hätten, pflegte der Chef in seiner unnachahmlichen  Art zu sagen: „Bequem? Zwei.“
Trotzdem quetschten sich zu Spitzenzeiten bis zu 80 Leute in die rotplüschigen Nischen.
Die Bühne hatte die Größe eines Tisches, ein Bösendorferflügel musste allerdings auch noch reinpassen: Es war eng, es war verraucht, es war eine Atmosphäre wie in einem Salon der vorletzten Jahrhundertwende.

Die Namen der Berühmtheiten, die in dieser Bar aus und ein gingen, liest sich wie ein Who is Who der Unterhaltungskultur. Billy Joel, Herbert von Karajan, Chick Corea, Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner, Udo Jürgens, Robert Redford, Julian Rachlin, Luc Bondy, Jose Carreras  und und und. Berühmte, weniger Berühmte und völlig Unbekannte;  Junge Künstler auf dem Weg nach oben und alternde Künstler auf dem Weg nach unten – alles, was sich mit Musik und Theater befasste,  traf sich in der Broadway Bar.

Das Schöne war: Niemand war da, um  „Berühmtheiten zu gucken“, niemand war da um „sich wichtig zu machen“ – die Menschen waren da, weil die Bar wie ein öffentliches Wohnzimmer zum Gespräch lud, und zwar quer über alle Tische hinweg. Nicht wenige wurden erst in und durch die Broadway Bar zu lebenslangen Freunden. Und nicht nur das: Es gab fast allabendlich Konzerte, geplante aber auch viele spontane, wenn nach Mitternacht die Tische beiseite geschoben wurden, weil beispielsweise vier junge Musiker, die sich gerade erst kennen gelernt hatten, plötzlich Lust auf ein gemeinsames Dvorzak-Quartett  hatten – ungeprobt, mit Lachen, mit Fehlern und trotzdem auf höchstem Niveau.
Es wurde alles aufgeführt: Von Musical über Klassik und Schlager bis hin zu Brecht, natürlich Kreisler, Wedekind, Holländer und wie sie alle heißen. Sogar Hiphop wurde in der Bar zum Vortrag gebracht und akklamiert.
Es gab gefeierte Premieren, die von dort an größere Häuser verkauft wurden ebenso wie Vorführungen, die zu Recht dem Vergessen anheim fielen.
Kurz: Es war eine Bar, die es auf der ganzen Welt nicht ein zweites Mal gab, weswegen eben auch Künstler aus der ganzen Welt dort hin strebten.

 

2 Die Zeit

 

Sandra Kreisler war mehr als ein Stammgast, die Besitzer der Bar, das Ehepaar Koreny und deren Sohn, waren so etwas wie „adoptierte Familie“ .  Roger Stein war häufiger Besucher. Die Möglichkeit, sich musikalisch in alle Richtungen zu bewegen, lockte sie beide in dieses Lokal.
Es war nur logisch, dass sich Gespräche ergaben. Das war im Sommer1999.

Die Jahrtausendwende brachte langsam aber stetig ein neues Leben.  Das alte Leben zerrte noch: Roger war noch voll mit seinen Studien beschäftigt (Germanistik & Theaterwissenschaft), Sandra hatte neben der Vollzeit-Arbeit „Mietstimme für Radio und TV“ noch etliche Soloshows.
In den Gesprächen der beiden kristallisierte sich aber mit der Zeit ein gemeinsamer Wunsch heraus: Sie wollten sich irgendwie „häuten“, irgendwie „neu erfinden“ , jeder auf seine Weise.
Und beide wollten sie Musik jenseits der Gattungsbeschränkungen machen, und zwar als Haupt-Lebensinhalt.
Es dauerte noch fast 7 Jahre, bis sich die diffusen Gefühle konkretisierten, bis sie beginnen konnten, ihre Wünsche umzusetzen.

Zum Jahrtausendwechsel gab Sandra einen Kompositionsauftrag für das Quartett an Roger – ein Text von Alfred Lichtenstein sollte vertont werden – Rogers erste Komposition für Streicher.
Seine Begabung und sein Interesse  für Streichersätze erwachte, und immer  mehr wurde er in die Arbeit mit dem Quartett eingebunden.
Im selben Jahr kam Roger von einem Besuch in der Schweiz zurück mit einem neuen Lied: „ZeiT.“
Der Keim für WORTFRONT war gelegt.
Zunächst wurde zwar das Lied für Sandra und das Open Mind Quartett instrumentiert – aber beiden war intuitiv klar,  dass dieser besondere Song den Beginn einer neuen musikalischen Ära markierte.
2001 produzierte  Roger die CD „Sandra Kreisler & das Open Mind Quartett Live“ , zwei Jahre später begann die gemeinsame Arbeit an der CD zum  „Kreisler singt Kreisler“ - Programm .
In dieser Zeit war Roger noch nicht frei, ausschliesslich seinen musikalischen Neigungen nachzugehen – er arbeitete noch an seiner Dissertation und an seinem Buch „Das Dirnenlied“ (Böhlau), nebenbei komponierte und schrieb er aber zunehmend diverse Auftragslieder für die Größen des Österreichischen Kabaretts, trat auch immer wieder selbst auf. Sandra inszenierte, kritisierte, lektorierte, half auch immer mehr beim Formulieren – die Arbeit der Beiden mischte sich mit den Jahren immer mehr, und ganz unmerklich wurde ihnen klar, dass sie gut miteinander funktionierten. 
Ab dem Jahr 2004 war ihnen endgültig klar, wo die Reise hingehen sollte.

 

3 Der Streit

Die Zusammenarbeit der beiden Sturköpfe war aber nicht glatt und in völliger Harmonie: Die beiden waren so unterschiedlich, dass jeder den Anderen allein durch seine Existenz in Frage stellte, konterkarierte und zugleich den Horizont erweitern konnte.  Es wurde beileibe nicht nur über Musik gestritten – fast alles gab Anlass zu heftiger Diskussion – zwei höchst diverse Welten prallten aufeinander – aber es machte Spass!

Zunächst stritten sich die beiden um den Kaffee, der natürlich unabdingbares Requisit jeder Arbeit ist. Roger wollte Filterkaffe, Sandra Espresso. Es schien keine Lösung zu geben. Bis letztendlich zwei verschiedene Kaffeesorten und zwei verschiedene Kaffeemaschinen angeschafft wurden.

Musikalisch, altersmäßig, geschmacklich, und sogar historisch kommen Sandra und Roger von völlig verschiedenen Planeten. 
Er isst Schnitzel, Pommes Frites und Schweinebraten, sie Thaicurrys, Gemüse und Fisch. Er stammt aus der Hochdemokratischen Schweizer Einheitsgesellschaft, sie aus dem typischen Mitteleuropäischen Jüdischen Grossbürgertum. Das prägt, und es dauerte, bis die beiden lernten, ihre so unterschiedlichen Meinungen, Erfahrungen und Geschmäcker nutzbringend für beide Seiten zu vereinen.  Manchmal überzeugte einer den Anderen, manchmal lernten sie einfach, den Anderen in seiner Welt zu akzeptieren – eines aber begriffen sie sofort: Jeder Streit ist nur dazu da, eine gemeinsame Lösung als Team zu finden. Nur das bereichert beide, nur das bringt beide weiter.  Mit diesem Wissen konnten sie die wütendsten Streitgespräche führen, es änderte nichts an der gegenseitigen Wertschätzung.

Bis heute gibt es  künstlerisch fast immer hitzigste Diskussionen. Wo er Pop sagt, denkt sie Chanson, wo er Barock liebt, hört sie Russische Expressionisten und so fort. Bis heute ist es so, dass Wortfront – Songs nicht  ‚entstehen’: Sie werden erstritten.
Am Anfang  und am Ende jedes Liedes steht die emotionell aufreibende Suche nach dem gemeinsamen Nenner.
Es wird diskutiert und zerpflückt, es wird gestritten und ausprobiert – so lange, bis beide plötzlich sagen: „Ja!“.

Die Kraft für diese anstrengende Reise kommt aus jedem Lied, das nach diesem Prozess beiden als geglückt erscheint. Die beiden kämpfen um eine Musik, die es so noch nie gab, und leben den Beweis, dass Gegensätze nicht unüberwindliche Barrieren sind, sondern Keimzellen für Neues und Weiterführendes.

 

4 Noch einmal der Raum

Zunächst aber mussten sie feststellen, dass es in Wien sehr schwer ist, konsequent, konzentriert und eben so heftig wie es ihre Art ist, an einem neuen musikalischen Stil zu arbeiten. Zu viele Ablenkungen, zu viele „schnelle Jobs“, eine Auftragskomposition hier, eine Sendung für’s Radio da, etliche Soloauftritte und dann noch die vielen Freunde, die alle auch irgendwo auftraten und verdienten, dass man sie doch bewundern käme. 
Dazu kam: In Wien waren beide schon bekannt, keiner wollte sie in einer anderen „Rolle“ als der schon gewohnten wahrnehmen.
Das war unbefriedigend. Wie praktisch wäre doch eine fremde Stadt, hier könnte man als „unbeschriebenes Blatt“ ganz neu anfangen, sich auch selbst ganz neu definieren.
Es musste im Deutschsprachigen Raum sein – so viel war klar. Aber wo? Und auch hier war Konsens schwer: Roger schlug München vor, Sandra Hamburg. Keine Mitte in Sicht, auf die man sich hätte einigen können.

Im Spätwinter 2003 spielten Sandra und Roger erstmals gemeinsam ein Songprogramm. Und gastierten damit auch in Berlin.

Berlin war  wie immer herrlich unfertig, rau und divers – ganz anders als das saturierte Wien, inspirativer.
Berlin lässt Raum frei, um zu experimentieren. 
Schlüssellöcher, in Wien wichtige Kommunikationsgrundlage, bleiben hier verblüffend ungenutzt.
Berlin ist gleichgültig und aufgeregt,  hektisch und langsam, warmherzig und cool, hungrig nach Neuem und zugleich kaputt und alt – Berlin ist voller Gegensätze, ständig im Wandel, stets sich selbst neu erfindend.

Das passt.

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Nachtrag:
In den Jahren 2004 und 2005 wurde zwischen Wien und Berlin gependelt, die letzten Aufträge in Österreich erfüllt, die letzte Solo-CD von Sandra wurde aufgenommen, eine kleine Probe-Single, noch unter dem Namen „Kreisler und Stein“ mit dem Lied „Schwanzersatz“ entstand, abschliessende Verhandlungen über das Buch mussten getätigt werden und so fort. Zugleich wurde  in Berlin das Wortfront Studio eingerichtet.
Im Winter 2005/06 wurde es fertig.
Im Juni 2006 kam das erste Album „Lieder eines Postmodernen Arschlochs“ in die Läden, im Herbst darauf das Weihnachtsalbum „Penetrant Besinnlich“.
Und Wortfront wächst weiter.

 

© Wortfront 2008
   
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